Geburt von Portia

Es gibt so unendlich viel zu erzählen um einer Geburt, und man kann in wunderbar verschiedener Weise eine Geburtsgeschichte erzählen... Ich würde so gerne einen Bericht von unserer lieben Hebamme Sabine lesen, und genauso gerne einen von Marc-Antoine meinem Mann. Aber hier ist ein demütiger Versuch von mir, Emilia, als Gebärende für Gebärenden.


Samstag 1. Mai - Termin. Ein Datum welchem ich zu viel Gewicht gegeben habe. Wir haben fast neun Monate auf diesen Tag gewartet! Wird das Kind heute kommen, oder nicht? Alles ist bereit. Und wenn es heute nicht kommt, habe ich keinen Halt mehr um meine Ungeduld zu lenken. Außer der Überzeugung, dass das Kind genau weiß, wann und wie es kommen muss.


Montag 3. Mai - Ich bin zu Fuß einkaufen gegangen. Jeder grüßt mich mit Grinsen… “Das Kind noch im Bauch?”. Ich: “Ja… ja, es braucht bestimmt noch eine Woche”, und ich habe die Einkäufe im Kinderwagen ziemlich schnell die steile Straße nach Hause wieder hoch geschoben. Ruhig bei uns zu Hause geht es mir definitiv am besten. Beim Besuch von Sabine haben wir Übertragung besprochen. Währenddessen hat sie mit ihrer leisen Achtsamkeit gemerkt, dass ich mein Kreuz immer wieder mit den Händen gehalten habe. Ich wollte dem keine Bedeutung geben, um keine falsche Hoffnung aufkommen zu lassen... Um Mittenacht - wurde ich von einer Geburtswehe aufgeweckt.


Dienstag 4. Mai - Dann um 1 Uhr und 2 Uhr wieder. Um 3:30 musste ich zur Toilette, und dann ging es los. Draußen wehte ein plötzlich starker Wind durch die Waldbäume, und drinnen kamen die Wehen alle drei bis fünf Minuten. Eine Stunde lang bin ich langsam durch die Wohnung gelaufen, habe Feuer im Holzofen gemacht, etwas gegessen und getrunken, die Vorhänge zugezogen - obwohl ein verblüffend oranger Mond am Nachthimmel aufging - mit einer Pause bei jeder Wehe. Und bei jeder Wehe habe ich mich gefreut; diese wunderbare Anstrengung die Schritt für Schritt zum nächsten Abschnitt unseres Lebens führt, wie auch immer er aussehen wird. Aber wann soll ich Sabine anrufen!? Ich wollte sie nicht so früh unnötig wecken. Endlich wurde ich müde. Wieder im Bett sind die Wehen langsamer gekommen. Ich konnte dazwischen schlafen, und wurde jedes Mal von meinem eigenen intensivierenden Atmen aufgeweckt.


5:30 - Mein Mann wachte auf, und als er hörte, dass es angefangen hat, strahlte sein ganzes Gesicht. Wir freuten uns sehr.


6:05 - Mein Mann ruft Sabine an. “Emilia sagt, sie braucht dich jetzt”... Als ich im Schlafzimmer, kniend, mit dem Bett als Stütze die intensiver werdenden Wehen jetzt hörbar arbeitete, sind die Kinder langsam aufgewacht. Sie kamen, und haben mich mit großen, neugierig beobachtenden Augen angeschaut, bevor sie von meinem Mann angezogen wurden, Frühstück bekommen haben, und ganz aufgeregt und brav hoch zu den Nachbarn gebracht wurden. Wie er das alles geschafft hat, weiß ich nicht - die Kinder versorgt, mich unterstützt, die Geburtssachen eingerichtet, alles gleichzeitig, und so ruhig und schnell.

Jetzt fing es richtig an. Die Wehen waren nun echte Arbeit und ich hatte meine Komfortzone verlassen. Manchmal habe ich mich verkrampft, und meine Stimmbänder taten weh, obwohl ich nicht laut war. Manchmal konnte ich so gut nach unten loslassen, dass mein Körper seine Arbeit einfach wunderbar effizient machen konnte. Das letzte war nur möglich mit sehr viel Konzentration und Fokus, aber wenn ich es geschafft habe, hatte ich keine Schmerzen, und viel weniger physische Anstrengung.


Ungefähr 6:30 - überraschte mich der Schleimpfropf.


Ungefähr 6:45 - Fruchtblase geplatzt. Warm und nass… Das Wasser war nicht ganz klar, aber ich konnte nicht sehen, welche Farbe es war. Langsam fragte ich mich wann Sabine ankommen würde. Ich brauchte jetzt irgendwie ihre Bestätigung, dass alles gut geht.


7:00 Sabine und ihre auszubildende Hebamme, Josina, sind angekommen. Ich war sehr froh sie zu sehen, und dann musste ich wieder in meine Konzentrationsverschlossenheit verschwinden. Herztöne gut. Wunderbar. Jetzt fühlte ich mich total frei, kräftig zum Ende zu gehen. Warme Hände auf meinem Kreuz. Presswehen. Im Stehen. Mein Bein wackelt wie verrückt. Sehr lustig. Sabine, so feinfühlig, fragt ob ich oder Marc-Antoine das Baby auffangen soll. Marc-Antoine soll geholt werden. Komisch… ich bin zu beschäftigt, um mein eigenes Kind fangen zu können! Fast geschafft! Ob meine Beine aushalten!? Sabine und Marc-Antoine sind so ermutigend. Ach! Die Kraft die immer mit diesen Presswehen kommt. Unfassbar. Das Köpfchen! Nein, es rutscht wieder hinein. Das finde ich jedes Mal schwierig; ich will immer in einem Atem durchdrücken, einfach bis es kommt. Aber ich muss Geduld haben, und dabei darf ich diese wahnsinnige Kraft mehrmals erleben.


7:24 Josina notierte die Uhrzeit für uns… denn das Wunder ist geschehen: Marc-Antoine hat einen Moment gebraucht, um mit Sabines Hilfe das Gesichtchen zu säubern, und dann liegt ein kleines Geschöpf auf meinem Arm! Die Freude! Die Entlastung! Die Errungenschaft! O Kind! O Freude! O Freude!

Ich glaube es noch nicht. In einem Traum werde ich zum Bett begleitet. Ich kann es wirklich nicht glauben! Dieses kleine Mädchen war bis vor kurzem in meinem Bauch, und jetzt liegt es auf meinem Brust, atmet, wird rosig, weint, ringt mit der Schwerkraft ihrer neuen Welt, trinkt, und trinkt, und trinkt.

Die Kinder sind gekommen, mit kleinen Geschenken die sie in der Wartezeit gebastelt haben. Wir sind jetzt eine Familie zu fünft. Wir staunen alle über das Baby, tastend in die Neuheit seines Daseins und unserer Situation, und umgeben von Licht.

Sabine und Josina erschienen und verschwanden... präsent, aber fast unsichtbar, ließen sie uns in Ruhe, und ab und zu brachten sie Tee und Essen, erfrischend und stärkend. Im nachgeburtlichen Lichtesnebel ist irgendwann die Plazenta gekommen. Es brauchte Ruhe ohne Kinder, und die überzeugte Anregung von Sabine; die Plazenta kam nicht so selbstverständlich wie das Baby, und brauchte mit hilfreichen rechtzeitigen Hinweise von Sabine bewusst fortgesetzte Arbeit. Und als sie da war, war es irgendwann Zeit, die Nabelschnur zu durchtrennen. Mein Mann hat diese besondere Tat schlicht und respektvoll vorgenommen. Danach schauten wir mit Sabine die Plazenta an. Was zuerst nur wie ein Stück Fleisch aussehen könnte, wurde sehr schnell vor unseren Augen etwas Ehrfurchtgebietendes und Heiliges. Diese Stunden liefen in den Tag. Der Tag lief in den nächsten Tag, in die erste Woche, in die ersten Wochen, und weiter. Und so ist die Schwangerschaft, diese mysteriöse Zeit der Erwartung, zu ihrer Kulmination gekommen, und damit beginnt ein neues Leben